
Mittwoch, der 14. September 2016. Eigentlich ein normaler Tag wie die meisten anderen Tage in meinem Leben auch. Bis 7.33 Uhr. Ich befinde mich auf dem Weg zur Schule, gehe vom Bahnhof aus meinen gewohnten Weg an einem bekannten Hamburger Einkaufszentrum vorbei. Dem Einkaufszentrum gegenüber liegt eine Vierspurige Straße, dazwischen befindet sich ein Kanal. Das Einkaufszentrum liegt "unterhalb" der Straße, zu der eine Art Wall mit 3 Stufen hinaufführt, dessen Ebenen mit Rasen und Ziergräsern begrünt werden. Ich hätte vermutlich alles erwartet, nur nicht dass, was tatsächlich gleich passieren wird. Ich gehe aus der Unterführung hinaus und biege rechts ab, um parallel zur Wall-Anlage Richtung Brücke zu laufen und dann den Kanal zu passieren. Bis zur Brücke jedoch sollte ich erst einmal nicht kommen. Denn dort, auf den paar Quadratmetern Rasenfläche, sitzt ein kleines, rundes Fellknäuel mit zwei Ohren. Es hat langes Fell, so lang, dass es garnichts sehen kann, weil die Strähnen über die Augen lappen und es auch nicht in der Lage ist, diese Strähnen irgendwie weg zu streichen. Es atmet schwer, ist sichtbar aufgeregt und fühlt sich bei dem tosenden Lärm des Berufsverkehrs einfach nicht wohl. Ohne auch nur einmal darüber nachzudenken betrete ich den Rasen und gehe auf das kleine Wesen, welches ich mittlerweile als Kaninchen identifiziert habe, zu. Es schreckt zunächst zurück, läuft weg, versteckt sich zwischen einer Mauer und einer hohen Ziergras-Pflanze. Ich gehe in die Hocke, rede behutsam mit dem kleinen Wesen, welches mich skeptisch aus seinem Versteck beäugt. So geht es vielleicht 5 Minuten. Ich beende mein Gespräch in dem ich zu ihm sage: "Komm Kleiner, komm mit mir mit. Du gehörst hier nicht her, du gehörst an einen Ort, an dem du eine Chance hast, dich sicher und wohl zu fühlen."

Ich gehe erneut auf das kleine Wesen zu, diesmal bleibt es dort sitzen und betrachtet mich, wie ich langsam näher komme. Ich hebe ihn hoch, nehme ihn auf den Arm, stelle fest, dass sein kompletter Körper ummantelt ist von Zentimeterdick verfilztem Fell. Sein Herz schlägt vor Aufregung so sehr, dass sein ganzer Körper mit bebt. Ich verstecke ihn unter meiner Jacke, um ihm ein Gefühl des Schutzes zu vermitteln und rede weiter mit ihm. Er versteckt seinen Kopf in meiner Armbeuge, eine Geste, die ich auch von meinen anderen beiden Kaninchen kenne. Ich habe dem kleinen Kerlchen versprochen, ihm Sicherheit zu geben. Doch mit dieser Situation hatte ich einfach nicht gerechnet und jetzt, wo er auf meinem Arm sitzt und sein Herzschlag langsam abnimmt, kommt die Frage auf: Und, was machst du jetzt?
Ja, was mach ich denn jetzt. Ein wenig planlos, selbst mit der Situation überfordert, laufe ich zuerst zum Einkaufszentrum, frage dort eine Mitarbeiterin des Blumenladens um Rat. Sie meint, ich solle zur Polizei, da es hier in der Gegend kein Tierheim gäbe und die Tierärzte um diese Zeit noch nicht in der Praxis wären. Also laufe ich zurück zum Bahnhof, stehe vor der Polizeiwache, laufe ein paar mal auf und ab um dann wieder die Treppe hoch zu gehen und dort auf meine Freundin zu warten, die mit einem späteren Zug gefahren war. Gemeinsam überlegen wir. Schließlich beschließen wir, einen Karton zu besorgen und den Kleinen damit mit zur Schule zu nehmen. Vor der Schule, mit dem Kleinen im Karton, pflücken wir Gras und Löwenzahn für das Findelkind, dass mittlerweile den Namen Marley trägt. Marley in Anlehnung an Bob Marley. Warum? Weil der Kleine übersät ist mit Dreadlocks. Ein Blitzeinfall meiner Freundin. Ich selbst stand bis zu diesem Zeitpunkt noch zu sehr unter Adrenalin, um auch nur den entferntesten Gedanken an einen Namen zu investieren.

Während wir in der Schule waren durfte Marley dann bei einer unheimlich lieben, älteren Frau, die quer gegenüber unserer Schule wohnt und uns zufällig mit dem kleinen Kaninchen im Karton beim Löwenzahn pflücken sah, auf dem Balkon bleiben und sogar herumlaufen. Ich bin unheimlich dankbar dafür, denn so blieb ihm der Stress und der Lärm in der Schule erspart und er konnte laufen und musste nicht im Karton in einem Nebenraum unserer Klasse ausharren. Nach der Schule kam er dann mit zu mir nach Hause. Dort durfte er sich erst einmal ein wenig erholen bis es gegen späten Nachmittag zum Tierarzt ging. Das Ergebnis: Soweit ist der Kleine gesund. Allerdings waren die Verfilzungen so ausgeprägt, dass der Tierarzt mit der Schermaschine kaum dadurch kam. Um ihm weiteren Stress zu ersparen, beschlossen wir, ihm erst einmal Ruhe zu gönnen. Das Entfilzen nahmen wir uns für die kommenden Tage vor, jeden Tag ein Stückchen mehr. Wieder zuhause und endlich in seinem neuen eigenen Käfig, in dem er jetzt erstmal bleibt, angekommen, schlief er direkt. Hunger hatte er wie meine beiden anderen Kaninchen zusammen, auch der Tierarzt meinte, dass er durchaus etwas mehr auf den Rippen haben könnte. Geändert hat sich daran bis heute nichts. Er frisst viel und schläft viel, ist aber auch unheimlich aufgeweckt und neugierig. Allerdings hat sich mit zunehmender Entspannung herausgestellt, dass er jegliche Belastung seiner rechten Vorderpfote meidet. Was dahinter steckt, versuchen wir gerade gemeinsam mit unserem Tierarzt herauszufinden. Kommenden Freitag sind wir in der Hinsicht hoffentlich schlauer. Am Donnerstag wird der Kleine dann kastriert werden. Anders geht es leider nicht, da ich ihn gerne in die bestehende Gruppe (Häsin und kastrierter Bock) integrieren würde, meine Häsin aber schon allein wegen dem Geruch des nichtkastrierten Bocks durchdreht und den kastrierten nicht mehr in ihrer Nähe duldet. Zudem erhoffe ich mir dadurch ein möglichst stressfreies Zusammenleben für die beiden Böcke. Bis dahin ist jetzt erstmal einleben, schlafen, fressen (und zunehmen), entdecken und natürlich kuscheln an der Reihe.